Das Gerücht von den 84 mm Rollen bewahrheitet sich !!!
7. August 2002

Anlässlich des 20-jährigen Bestehens ihres 1.000m-Weltrekordes haben wir mit Dr. Barbara Fischer unsere „4 Fragen an…“ Serie wieder aufleben lassen…

Name: Dr. Barbara Fischer
Alter: 42
Beruf: Molekularbiologin
Sport: Rollschnelllauf
Berufung: Kampfrichterin

Grösste sportliche Erfolge:
– 1 Weltmeistertitel 1991
– 1 Sieg World Games 1989
– 2 Europameistertitel 1989, 1990
– 4 Vizeeuropameistertitel
– 8 Bronzemedaillen bei Europameisterschaften
– 41 Deutsche Meistertitel
– Weltrekord 1.000m Bahn in 1:27,060 aufgestellt in Inzell (D) am 28.08.1988

Absoluter persönlicher sportlicher Höhepunkt:
– Gewinn der World Games über 300m, Karlsruhe 1989

Persönlicher Meilenstein als Kampfrichterin:
– Weltmeisterschaft 1998, Pamplona (Esp), als erste deutsche Frau Oberschiedsrichterin
und bis dato jüngster Oberschiedsrichter bei einer WM wieder bei der EM in Portugal, allerdings als Aktive -1989

Werte Frau Dr. Fischer, nahezu jeder Teilnehmer und Zuseher einer WM, EM oder eines der bekannteren
Bahnkriterien kennt Sie als regelsichere, gestrenge Kapfrichterin.
Eigentlich weniger bekannt ist ein sportliches Kuriosum:
Am 28.08.1988 haben Sie in Inzell über 1.000m-Bahn in 1:27,060 einen Weltrekord aufgestellt, der heute,
20 Jahre dannach noch immer Gültigkeit hat.
Bitte schildern Sie uns die näheren Umstände.

Dr. Barbara Fischer:
Der Weltrekord uber 1.000m wurde damals nicht bei einer offiziellen Meisterschaft aufgestellt. In den
Achtziger Jahren wurden Weltrekorde bei extra Weltrekordversuchen der verschiedenen Nationen aufgestellt
und nicht bei offiziellen Wettbewerben. Bei dieser Veranstaltung hat der Deutsche Rollsport- und Inlineverband
Weltrekordversuche auf der noch relativ neuen Bahn in Inzell durchgeführt, sodass nur deutsche Läufer
Weltrekorde aufgestellt haben.
1989 haben z.B. die Italiener nach der WM in Grenoble ebenfalls Weltrekordversuche durchgeführt und viele der
in Grenoble gelaufenen Rekorde haben ebenfalls noch Bestand. Diese Weltrekorde wurden sowohl bei
Damen als auch bei Herren mit Tempomachern gelaufen. Die Bahn in Inzell mit dem noch relativ neuen
Belag war optimal schnell für die traditionellen Rollschuhe, heute auch Quads genannt. Gelaufen wurde mit
Polyurethanrollen und die äusseren Bedingungen waren optimal.
Interessanterweise hatten bei einem Europacup, der anfangs der 90iger Jahre in Inzell durchgeführt wurde
und bei dem sowohl Quads als auch Inliner erlaubt waren, die Inliner keinen erkennbaren Vorteil gegenüber
den traditionellen Rollschuhen.

Das erklärt auch -zumindest zum Teil-, warum von insgesamt 12 heute gültigen Bahnweltrekorden der Damen
immerhin 10 auf Quads in den Achtziger Jahren aufgestellt wurden. Trotzdem wurden auch aus heutiger
Sicht enorme Leistungen erbracht.
Im 1.000m-Bahnfinale der Damen bei der Europameisterschaft 2007 wurde auf der augenscheinlich sehr
schnellen portugiesischen Bahn von Anfang an ohne taktisches Geplänkel voll auf Tempo gefahren.
Trotzdem liegt die Siegerin Elma de Vries (NL) mit 1:31,102 am Ende über vier Sekunden (!) über ihrem
Weltrekord.
Macht Sie so etwas auch stolz?

Dr. Barbara Fischer:
Natürlich bin ich noch ein bißchen stolz auf meine damals gelaufene Zeit, weil ich dafür auch extrem viel
investiert habe. Aber durch meine jetztige Tätigkeit im Speedskating hat sich meine Sichtweise aber etwas
verändert. Die Zeit der Quads ist vorbei, das Speedskating hat sich weiterentwickelt. Noch dazu haben wir
ein „neues“ Sportgerät. Der Inliner ist das schnellere Sportgerät und ich behaupte auch, dass das
internationale Niveau sich mit dem Inliner auch im Damenbereich dramatisch erhöht hat. Allerdings werden
heute keine Weltrekordversuche in der Art durchgeführt wie in den Achtziger Jahren. Der volle Wettkampf-
kalender und die Umstrukturierung unseres Sportes mit den grossen Strassenserien sowie die
internationale Teambildung lassen solche Weltrekordversuche der Nationen nicht mehr zu. Weltrekorde
werden jetzt bei offiziellen Wettbewerben und ohne Tempomacher erlaufen.
Meiner Meinung nach sollte für die Inliner eine extra Weltrekordliste geführt werden.

Sie kennen beide Gesichter des Sports.
Die Epoche der Quads, welche weder ein Trend- noch ein Massensportgerät waren, wo aber die Vereine
(zumindest hier in Österreich) ein Vielfaches der Sportlerzahlen von heute beherbergten und im Vergleich
dazu die heutige Epoche der Inline-Skates. Eine Freizeitbetätigung, die nahezu Jede(r) schon ausprobiert
hat, der Leistungssport, der dahintersteht, ist jedoch kaum jemandem bekannt.
Entwickelt sich der Rollsport aus Ihrer Sicht in die richtige Richtung?


Dr. Barbara Fischer:

Dies ist eine relativ schwierige Frage. Für den Leistungssport benötigen wir eine grosse, breite Basis um die
entsprechenden Talente zu finden. Dies wird allerdings immer schwieriger, da die Zahl der Kinder und
Jugendlichen in der Zukunft durch die Bevölkerungsentwicklung zurückgeht. Speedskating ist auch keine
Olympische Sportart und steht deshalb immer in Konkurrenz zu diesen Sportarten. Die Nachwuchsgewinnung
wird zukünftig immer schwieriger. Gleichzeitig haben wir eben durch die Bevölkerungsentwicklung z.B. hier
in Deutschland eine immer grösser werdende Zahl von Sportlern in den Seniorenklassen. Das internationale
Leistungsniveau der Spitzensportler rückt seit Jahren immer enger zusammen. Immer mehr Nationen finden
sich auf den Podiumsplätzen der kontinentalen Meisterschaften und der Weltmeisterschaften. In dieser
Beziehung geht die Entwicklung in die richtige Richtung.
Die allgemeine Entwicklung des Speedskatings muss sicherlich in Richtung Olympia gehen.
Dazu muss das Niveau unseres Sportes, die Leistungsentwicklung, die Präsentation, die Medienpräsenz etc.
in allen Nationen auf ein gleiches Niveau gebracht und international einheitliche Standards geschaffen
werden.
Olympia muss unser Ziel sein und bleiben.

Zurück zu Ihrer Laufbahn im und nach dem aktiven Sport.
Nach Ihrem Karriereende wäre eigentlich das Einschlagen der Trainerlaufbahn logisch erschienen.
Sie haben sich jedoch für die nicht immer dankbare Aufgabe „Kampfrichter“ entschieden.
Warum eigentlich?
Gibt es hier überhaupt die gleichen Glücksmomente wie im aktiven Sport?

Dr. Barbara Fischer:
Als ich im Jahr 1992 aus gesundheitlichen Gründen meine aktive Laufbahn beendet habe, hatte ich bereits
seit 5 jahren den nationalen Kampfrichterausweis. Im Jahr 1992 wurde in Deutschland eine Prüfung zum
internationalen Scheidsrichter durchgeführt, die ich „Just for Fun“ absolviert und bestanden habe. Da es
zu wenig Kampfrichter in Deutschland gab, habe ich angefangen „auf der anderen Seite“ zu arbeiten und mir
relativ schnell den Respekt der Sportler, der anderen Kampfrichter und der Funktionäre erarbeitet (was als
Frau nach wie vor nicht ganz leicht ist).
Meine Erfahrungen aus der aktiven Zeit kann ich in diesem Bereich optimal umsetzen und ich würde mir
wünschen, dass mehr ehemalige Aktive diesen Weg wählen würden. Aber es ist für die meisten ehemaligen
Aktiven einfach angenehmer und attraktiver, als Trainer oder Teammanager zu arbeiten. Über eine Karriere
als Trainerin habe ich eigentlich nie nachgedacht, da ich trotz aller Widrigkeiten gerne als Kampfrichterin
arbeite und hoffe, dass ich dadurch unsere Sportler und unseren Sport unterstütze.
Mein bestes Erlebnis als Kapmfrichterin hatte ich und habe ich immer am Ende einer gelungenen Veranstaltung,
sei es das Kriterium in Groß Gerau, eine Marathonveranstaltung, eine Europa- oder Weltmeisterschaft.
Immer wenn das Team der Jury eine gute Leistung erbracht hat, ist es für mich ein Erfolg.
Die Veranstaltung, die für mich ein Meilenstein war, war die Weltmeisterschaft 1998 auf der Bahn in Pamplona,
wo ich das erste Mal Oberschiedsrichterin war, als erste deutsche Frau und weltweit als bis dato jüngster
Oberschiedsrichter.
Das erste Jahr nach dem Ende meiner Karriere war natürlich nicht leicht, aber durch die Tätigkeit als
Kampfrichter bin ich immer mit im Geschehen gewesen. Jetzt kann ich sehr gut ohne den aktiven
Rollschnelllauf leben, obwohl ich ab und zu im privaten Bereich noch die konventionellen Rollschuhe
anziehe und damit laufe. Viele werden es nicht glauben, aber ich bin bis heute nicht auf Inlinern gestanden.
Weiteren Leistungssport, z.B. in den Senioren-Altersklassen kann ich mir allerdings für mich nicht mehr vorstellen.
Ein Leben ohne meine Tätigkeit im Speedskating könnte ich mir allerdings im Moment auch nicht
vorstellen…